Die Gloriosa des Erfurter Doms

  • Zur Geschichte der Gloriosa

    Wenn ich schreibe, die Gloriosa-Glocke des Erfurter Doms St. Marien ist über 500 Jahre alt, so ist das zunächst eine sachliche Feststellung. Macht man sich jedoch bewusst, dass bereits Martin Luther in seinen Erfurter Jahren diese Königin der Glocken in ihrem vollendetem tiefen Klang hörte, dann bekommt man ein Gefühl für das herausragende Alter dieser Domglocke. Sie überstand gute wie schlechte Zeiten. Heute ist sie die klanglich schönste und wertvollste Glocke der Welt.

    Der Eingang zu den Glockentürmen befindet sich auf Höhe der großen Hochterrasse an der Domstraße zugewandten Seite des Doms und ist nur im Rahmen einer Führung zugänglich. Man durchquert zunächst den Kreuzgang und steigt dann 177 Stufen hinauf zur Glockenstube der Gloriosa. Vorbei geht es an den Glocken des Nordturms, Andreas und Dreifaltigkeit, sowie an den Glocken des Südturms, Christophorus, Johannes und Joseph. Insgesamt verfügt der Erfurter Dom heute noch über 13 Glocken, verteilt auf verschiedene Türme und Glockenstuben.

    Die Gloriosa, gegossen und geschmiedet im Juli 1497 von Gerhardus Wou, ist die größte freischwingende mittelalterliche Glocke auf der Welt. In nur 7 Wochen war aus der Planung  bis zur Fertigstellung der Glocke das Meisterwerk des holländischen Glockengießers vollbracht. In Zahlen bedeutet dies: Sie ist 11,5 Tonnen schwer, hat eine Höhe von 2,62m und einen Durchmesser von 2,50m.

    Ihre Vorgängerinnen wurden allesamt beschädigt oder durch Brände in den Jahren zuvor zerstört.  Die heutige Gloriosa ist bereits der 5. Neuguss. Üblicherweise wurde im Mittelalter bei Beschädigung einer oder mehrerer Glocken alle anderen noch intakten Glocken eingeschmolzen und es wurde ein komplett neues Läutwerk gegossen.

    Gerhardus Wou war damals der einzige Glockengießer, der zu bereits bestehenden Glocken eine im Klang dazu passende weitere Glocke gießen konnte. In der Nacht vom 07. zum 08. Juli 1497 goss er sie im Hof zwischen Dom und Severi-Kirche.

    Die Inschrift in der Schulter der Glocke besagt: „Laude patronos cano gloriosa Fulgus arcens et demones malignos Sacra templis a populo sonanda Carmine pulso Gerhardus wou de Campis me fecit. Anno Dni [Domini] M. CCCC.XCV II“

    „Ich besinge mit ruhmreichem [gloriosa] Lob die Schutzherren, abwehrend die Blitze und bösen Geister, läute zum Gottesdienst, der im Dom vom Volk mit Gesang gekündigt werden soll. Gerhardus Wou aus Kampen hat mich gegossen. Im Jahr des Herrn 1497.“

    Das erste Mal wurde sie am 19. Mai 1499 mit ihrem einzigartigen tiefen Schlagton e° als Ergänzung zum damals schon bestehenden Läutwerk des Doms geläutet.

    Ihre Nutzung über Jahrhunderte hinweg hatte allerdings 1984 einen hohen Preis. Beim Einläuten des Weihnachtsfestes sprang der Glockenmantel und musste auf einer Länge von 70cm und einer Dicke von 19cm aufwändig vor Ort geschweißt werden. Im Verlauf der Sanierungsarbeiten 2004 im Dom und am Glockenturm stellte man einen neuen 40cm langen Haarriss im Mantel der Gloriosa fest.

    Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte musste die Glocke ihren Turm verlassen. Hierzu wurde eigens eine Fensterlaibung verbreitert.Im Juli 2004 verließ sie an einem Kran hängend den Mittelturm des Doms und wurde in der Glockenschweißerei Lachenmayer in Nördlingen erneut repariert. Am 9. September kehrte sie dann in neuem Glanz zurück in ihren Glockenstuhl und läutet seither wieder an allen hohen katholischen Feiertagen sowie an besonderen Festtagen.

    Seit diesen Reparaturen hat die Gloriosa eine wesentlich längere Abklingdauer. Lag diese vor der ersten Reparatur 1984 bei ca. 3 Minuten, so klingt sie heute gut 6 Minuten noch nach.  Bei einer Führung vor Ort bekommt man davon eine beeindruckende Fühl- und Hörprobe.

    Die Gloriosa wird wegen ihrer Bedeutung sowie ihres hohen Alters beim Schlagen heute immer „betreut“. Jedes Mal, wenn die Glocke in Bewegung versetzt wird, ist der heutige Glockenwart Ernst Bünge in der Glockenstube mit dabei.  Auch die Schwinghöhe wurde aufgrund ihrer Vorschäden auf etwa 45 Grad reduziert. Bei guten Windverhältnissen ist ihr beeindruckender Klang dann weit über die thüringische Landeshauptstadt hinaus zu hören.

    Das Wesentliche:

    • Öffnungszeiten im Sommer (ab Mai): Mo. – Fr. 09:30 bis 18 Uhr; So. 13 bis 18 Uhr
    • Öffnungszeiten im Winter (ab November): Mo. – Fr. 09:30 bis 17 Uhr; So. 13 bis 17 Uhr
    • Preise des Doms – freier Eintritt
    • Führung zur Gloriosa von April bis Oktober: Do. bis So. für 2,50 EUR Details >>
    • öffentlicher Nahverkehr – Haltestelle Domplatz (Straßenbahnen 3, 4, 6; Bus 90)
    • PKW – Parkhaus am Domplatz (Einfahrt bis 22 Uhr; Zugang rund um die Uhr mit einer Parkkarte)